50 Jahre Kirchen St.Laurentius
Samstag, 31. August 2013

Predigt im Festgottesdienst am 31.August um 17.00 Uhr in St.Laurentius

1.Lesung: Jesus Sirach 3,17..29 (Lesejahr C / 21.Sonntag)
2.Lesung: 2.Korintherbrief 9,6-10 (Gedenktag des Hl. Laurentius)
Evangelium: Lukas 14,1..14 (Lesejahr C / 21.Sonntag)

 

Liebe Gemeinde!

Diese Kapelle entstand erst vor etwa 13 Jahren, aber es gab hier schon lange Zeit vorher eine Kirche. Am 1.September 1963 wurde hier an gleicher Stelle die erste Laurentiuskirche geweiht. Als sie geplant und errichtet wurde, war die erste Sitzungsperiode des 2.Vatikanischen Konzils bereits beendet. Das ist deshalb wichtig, weil in dieser ersten Sitzungsperiode die „Konstitution über die heilige Liturgie" entwickelt wurde. So konnten die neuen Einsichten dieser Konstitution sofort umgesetzt werden. Wer die erste Kirche gekannt hat, wird sich erinnern: Ein großer Altarraum, der die tätige Mitfeier der Gemeinde unterstützt; ein freistehender Altar, der die Zelebration zur Gemeinde hin erlaubt, und (später) ein Priestersitz inmitten der Gemeinde. Schon unter dem ersten Pastor, Pfarrer Hoffschröer von St. Elisabeth, wurden die Gottesdienste in der nach dem Konzil beschlossenen neuen Form gefeiert, und von Anfang an selbstverständlich in deutscher Sprache. Auch danach (zu Zeiten des Priesterkonvents) gingen von Laurentius besondere Gottesdienstimpulse aus, und diese gute Linie setzt sich fort: Bis vor kurzem mit Pastor Kessler und dem „Lehrhaus" und weiterhin durch die Stadtgemeinde Johannes XXIII. sowie dem „Forum Liturgie", die hier sonntags Gottesdienst feiern. Es gab hier in St.Laurentius zwar nie ein Pfarrzentrum, wohl aber ein angemietetes Wohnhaus; so konnte sich dennoch ein vielfältiges Gemeindeleben mit Taufkreisen, theologischen Gesprächen, Besuchsdiensten und einem Treffpunkt für die Ältere Generation und Jugendgruppen entwickeln.

Laurentius litt allerdings von Anfang an unter zwei Entwicklungen: Zum einen erreichte dieser Stadtteil nie seine geplante Größe (große Baugebiete wurden nie in Angriff genommen); darum blieb St.Laurentius immer deutlich kleiner als vorgesehen. Zum anderen konnten (weil alles auf einmal gebaut und bezogen wurde) schon sehr bald keine jungen Familien neu dazuziehen. Waren bei der Gemeindegründung keine 7% der Wohnbevölkerung in der Gartenstadt Vahr über 60 Jahre alt, so waren es nur 25 Jahre später bereits 30%! Bei der Umstrukturierung der Katholischen Kirche in Bremen zu Beginn der 90er Jahre wurde St.Laurentius darum als einzige der damals siebzehn katholischen Kirchen nicht selbständig, sondern sofort mit St.Hedwig verbunden. Bereits wenige Jahre später setzte der lange und heftige Diskussionsprozess ein, an Stelle der Kirche ein Altenpflegeheim zu errichten, dessen Kapelle so groß zu bemessen sei, dass sie den hier im Stadtteil wohnenden Gemeindemitgliedern Gottesdienste sowohl werktags als auch sonntags ermöglichen könnte. Das verlangte von der bisherigen Gottesdienstgemeinde schmerzhafte Umstellungen und es gab übervolle, heftig diskutierende Gemeindeversammlungen. Auch über die Ortsgemeinde hinaus wurden Interessen verfochten: Die Polnische Mission wandte sich an Rom. Im März 1999 wurde die alte Laurentiuskirche abgerissen, im Oktober 2000 die neue Kapelle durch Bischof Bode geweiht. Wenn man den Erweiterungsraum dazunimmt, finden hier gut 140 Gottesdienstbesucher Platz. Die Gottesdienstgemeinde ist dabei „bunt" gemischt und immer neu zusammengesetzt: alte „Laurentianer"; Bewohner des Altenpflegeheims; Angehörige, die gerade zu Besuch sind; aber wegen der guten Busanbindung auch Gemeindemitglieder aus ganz St.Raphael. Selbstverständlich wird St.Laurentius heute von unserem Caritas-Altenpflegeheim geprägt. Sehr schön ist, dass sehr bald Marthaschwestern aus Indien die Pflege der gut 80 Bewohnerinnen und Bewohner unterstützen und regelmäßig an den Gottesdiensten teilnehmen.

Mit der Anbindung an das Altenpflegeheim ist Laurentius heute der Ort unserer Gemeinde, an dem jeder bei der Feier der Eucharistie besonderes über den diakonischen Auftrag seines Glaubens in ein besonderes Nachdenken kommt. Das ist für mich der Anknüpfungspunkt zu den Schrifttexten, die wir gehört haben. Es ist schön, daß die 1.Lesung und das Evangelium von der Leseordnung vorgegeben waren; nur die 2.Lesung habe ich eigens für diese Messe ausgesucht (sie gehört zum Gedenktag des Hl. Laurentius). Das Jesus-Wort, nicht auf den ersten Platz zu schielen, ist eindeutig, und zwar weit über den Aufruf zu Bescheidenheit hinaus! Denn solange ich auf den „ersten Platz" schiele, kann ich automatisch nicht die im Blick haben, die die letzten Plätze einnehmen (müssen): und damit geht mir der diakonale Auftrag meines Glaubens verloren! Das Verlangen, der Erste oder Beste sein zu wollen (und wir sollten uns nichts vormachen, wie sehr das unsere Gesellschaft von uns verlangt und erwartet und oft auch bereits voraussetzt!), ist letztlich nur um den Preis der Mitmenschlichkeit zu haben! Nein, behalte den „letzten Platz" im Blick und solidarisiere dich mit denen, die darauf abgeschoben werden. In unserer Gesellschaft sind das zunehmend eben auch alte und pflegebedürftige Menschen! Habe ich also für mich (so habe ich mich in St.Laurentius mit einem Wort unseres Bistums fragen) selber einen Ort gefunden, wo ich anderen „die Füße wasche"?

Mit der Anbindung an das Altenpflegeheim ist St.Laurentius zudem auch der Ort unseres Pastoralen Raumes, an dem jeder in ein besonderes Nachdenken sein eigenes Älter- und Altwerden kommt: Also über das, was mir im Leben an Begabungen, Möglichkeiten und Erfahrungen geschenkt wurde; und über das, was ich daraus gemacht habe: Ob ich also (auch in einer Rückschau) bei meinem eigenen Leben wirklich von Leben sprechen kann und mag. Das soll kein moralischer Druck und keine Geringschätzung der je eigenen Lebensweise sein, wohl aber eine Ermutigung, das eigene Leben immer wieder als Chance anzunehmen, und zwar als Chance für sich selbst als auch als Chance für andere! Die 2.Lesung drückte das mit diesen Worten aus: „Gott schüttet alle Gaben über euch aus, so daß euch allezeit in allem alles Nötige ausreichend zur Verfügung steht und ihr noch genug habt, um allen Gutes zu tun!" Daraufhin kann das Evangelium zu Recht anknüpfen: „Gott wird selber sorgen, daß eine solche Saat aufgeht und die Früchte solcher Gerechtigkeit wachsen!"

St.Laurentius ist immer ein Ort gewesen, wo auf eine besonders ansprechende und wegweisende Liturgie geachtet worden ist. Daß es jetzt auch ein Ort geworden ist, der die Diakonie des Glaubens hervorhebt, ist eine äußerst glückliche und aber auch notwendige Entwicklung, denn die Feier des Glaubens und der Dienst aus dem Glauben gehören unmittelbar zusammen. Natürlich gehört auch die Martyria, die Verkündigung, dazu, und es ist schade, daß namentlich die katechetische Glaubensverkündigung hier auf Dauer nicht durchzuhalten war. Immerhin bleibt diese dritte Dimension unseres Glaubens durch den Namenspatron dieses Ortes direkt im Blick, dem Hl.Laurentius. Sein Martyrium ist nämlich unmittelbar mit seiner Martyria, seiner unmißverständlichen Weise der Glaubensverkündigung, verbunden: Denn er wurde zum Stein des Anstoßes als er verkündete, daß gerade die Armen und Kranken der „wahre Schatz" der Kirche seien. So fügt sich in St.Laurentius alles zusammen: Eine Liturgie, die von Anfang an Menschen zugewandt ist. Eine Diakonie, die Menschen sieht und unterstützt. Und mit dem Namenspatron eine Verkündigung, die jeden Menschen als „Schatz" versteht.

Ich bin sehr dankbar, dass wir heute auf 50 Jahre Kirchen in der Gartenstadt Vahr zurückschauen können. Ich bin dankbar für alles, was hier in der Vergangenheit und Gegenwart und bestimmt auch Zukunft an Glauben gelebt, gefeiert und gedient wurde und wird. Ich bin dankbar, welche Entwicklung dieser Ort genommen hat, und dass die Weichen dafür rechtzeitig und mit Augenmaß gestellt wurden; ich danke darum meinem Vorgänger im Amt, dem kürzlich verstorbenen Pfarrer Bernhard Gels, den Hauptamtlichen und allen Gemeindemitgliedern, die damals Verantwortung übernommen und sich tatkräftig und mit ihrem Fachwissen eingesetzt haben. Ich bin dankbar für die Gottesdienste hier, und bin gerade auch bei den Vorabendmessen immer wieder gespannt, wer denn heute alles da ist, denn diese Messen sind jedes Mal so „bunt" wie kein anderer unserer Gottesdienste: Ortsgemeinde, Bewohner und ihre Besucher, Gemeinde-mitglieder aus den anderen Ortsteilen unseres Pastoralen Raumes. Ich bin dankbar, daß unser Caritas-Altenpflegeheim zu einem vielbeachteten und immer wieder auch sehr gut bewerteten Aushängeschild unseres Pastoralen Raums geworden ist; und ich danke dafür der Hausleitung und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, den Ordensschwestern und der Leitung des Caritasverbandes Bremens insgesamt.

Ich freue mich, Sie im Anschluss an diesen Gottesdienst zu einer Begegnung in das Foyer des Altenpflegeheimes einladen zu dürfen. Nach den Begrüßungen durch den Pfarrgemeinderatsvorstand und dem Caritasverband folgen bewusst keine weiteren Grußworte oder Reden mehr; so ist viel Zeit zum Austausch und Gespräch. Aufmerksam machen möchte ich Sie schon jetzt auch auf eine Festschrift „50 Jahren St.Laurentius", die Herr Tacke schreibt, die aber erst zum Dezember erscheinen wird (die Sie aber bei mir jetzt schon bestellen können!)

In seiner Macht kann Gott alle Gaben über uns ausschütten, so dass uns allezeit in allem alles Nötige ausreichend zur Verfügung steht und wir noch genug haben, um allen Gutes zu tun! Ein fünffaches „alle": Mit welchem Schatz dürfen wir leben, und welcher Schatz dürfen wir für andere sein! Möge uns dieser Gottesdienstort St.Laurentius diese Wahrheit immer wieder ins Bewußtsein rufen und lebendig halten! Amen.