Predigt zum geplanten Gemeinde-Leitbild
Sonntag, 06. Mai 2012

1.Sprecher: Liebe Gemeinde, vor wenigen Wochen haben wir Ihnen in unserem Pfarrbrief die Überlegungen des Pfarrgemeinderates zu einem Leitbild für unsere Gemeinde vorgestellt. Vielleicht erinnern Sie sich an die Beilage, in der wir in acht Sätzen die Schwerpunkte eines Leitbildes skizziert haben. Heute möchten wir Ihnen gern erläutern, wieso wir ein Leitbild für St. Raphael entwerfen und wie Sie sich an der Ausgestaltung beteiligen können.

2.Sprecher: Na, da bin ich ja gespannt! Wir haben doch bereits das viel sagendes Leitwort: "Lasst uns dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt". Dieses Motto begleitet uns nun schon seit einigen Jahren und beschreibt alles, was wir für ein gelingendes Leben brauchen: Hoffnung und Zuversicht - denn Gott ist bei uns. Wozu also noch ein Leitbild? Was soll das?

1.Sprecher: Ein Leitbild hat drei Funktionen und geht damit weit über die ermutigende Botschaft eines einzelnen Leitwortes hinaus. Ein Leitbild soll orientieren, motivieren und werben. Die erste Funktion: Orientieren. Damit ist gemeint: Welche Ziele verfolgen wir als Gemeinde? Wo wollen wir hin? Was wollen wir erreichen?

2.Sprecher: Aber das ist doch klar!
Wir wollen gemeinsam Gottesdienst feiern, dafür haben wir uns ja auch jetzt hier versammelt. Außerdem sollen die Kinder und Jugendlichen auf die Sakramente vorbereitet werden. Das ist doch das Wesentliche einer Gemeinde!

1.Sprecher: Ja, mag sein, das einige damit zufrieden sind. Andere erwarten von der Gemeinde darüber hinaus noch viel mehr Engagement und Gemeinschaft: Ich möchte zum Beispiel gern, dass wir in St. Raphael die verschiedenen Menschen und ihre unterschiedlichen Lebenssituationen in den Blick nehmen. Alle sollen bei uns beheimatet sein: die Kleinkinder, die Grundschulkinder, die älteren Kinder und die Jugendlichen ebenso wie die Erwachsenen, die Alleinstehenden ebenso die Verheirateten, die Familien ebenso wie Alleinlebende. Auch Alte, Kranke, Trauernde und Andersdenkende sollen ihren Platz bei uns finden können. Es wäre doch toll, wenn jeder - über die Gemeinschaft des Sonntagsgottesdienstes hinaus - mindestens einer Gruppe in St. Raphael angehörte, in der er sich geborgen fühlt. So können wir als Gemeinde das Leben miteinander teilen!

2.Sprecher: Ja, ja, und wovon träumst du sonst noch?? Unsere Kirchengemeinde hat über 12.000 Mitglieder. Wie sollen wir denn da Gemeinschaft erfahren? Selbst sonntags ist es ja kaum möglich, dass wir miteinander ins Gespräch kommen. Wir sind doch eher eine große „Herde Schafe", die sich freut, dass sie noch zwei „Hirten" - zwei Priester - hat, die sie versorgen.

1.Sprecher: So könnte tatsächlich ein biblisch orientiertes Leitbild aussehen: Jesus, der gute Hirte und wir als seine „Schafe". Aber damit wäre ich nicht so ganz zufrieden. Ich sehe mich nicht so gern in der Rolle des „Schafes". Da gefällt mir zum Beispiel das Bild vom einen Leib und den vielen Gliedern viel besser. Paulus schreibt in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth, dass sie alle durch die eine Taufe in den einen Leib aufgenommen sind: Einheimische und Ausländer, Arme und Reiche, Junge und Alte, Männer und Frauen. Alle bilden gemeinsam den einen Leib Christi.

2.Sprecher: Oder ich denke an das Evangelium, das wir gerade gehört haben: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht." So ein Leitbild kann ich mir gut vorstellen! Das ist mit einem Auftrag an uns verbunden. Wir sollen etwas für unseren Glauben tun. Wir sollen in unserem Leben für unseren Glauben einstehen. Wir sollen reiche Frucht bringen.

1.Sprecher: Da bist du auch schon bei der zweiten Funktion eines Leitbildes: Motivieren. Ein gutes Leitbild gibt nicht nur die Ziele, die Richtung an, die wir als Gemeinde einschlagen wollen. Es ermutigt auch zum Handeln. Es stellt unseren Beitrag in einen größeren Sinnzusammenhang. Wir bauen mit am Reich Gottes. Wir können etwas erreichen, wenn wir aus dem Glauben heraus unser Leben gestalten und zum Beispiel gemeinsam für Frieden und Gerechtigkeit in unserem Stadtteil eintreten.

2.Sprecher: Und wo bleiben dann die Unterschiede in unseren Gemeindeteilen und den einzelnen Kirchen? Wir haben doch überall andere Voraussetzungen: In St. Antonius die Schule, in St. Hedwig und St. Thomas die Kindertagesstätten, in St. Laurentius das Altenpflegeheim, in St. Godehard die einzige ältere Kirche. An dem einen Ort erreichen wir viele Senioren, an dem anderen eher viele Kinder, woanders wiederum liegt ein Schwerpunkt bei den verschiedenen Nationalitäten. Kann es da überhaupt ein Leitbild für ganz St. Raphael geben?

1.Sprecher: Ein Leitbild muss ja nicht die Verschiedenheit an den einzelnen Orten aufheben. Gerade darin kann auch ein Wert liegen, dass wir die Unterschiedlichkeit zulassen und genau das fördern, worin sich der jeweilige Gemeindeteil profiliert hat. Zum Beispiel haben wir auch nach dem Zusammenschluss als St. Raphael alle Partnerschafts-Projekte an den einzelnen Kirchen beibehalten, weil die Menschen genau zu diesen Projekten eine große Nähe verspüren. Zwei Grundgedanken unserer bisherigen Überlegungen im Pfarrgemeinderat tauchen darin auf: die Verschiedenheit als Bereicherung erleben einerseits und andererseits Orte schaffen, an denen die verschiedenen Gruppen gern verweilen.

2.Sprecher: Du willst also erstens die Gemeinschaft in das Leitbild aufnehmen; alle sollen sich angesprochen und aufgehoben fühlen. Richtig? Und dann willst du, wie vorhin betont, dass wir engagiert für unseren Glauben eintreten, damit wir am Ende nicht mit leeren Händen vor Gott stehen? Dazu fällt mir ein weiteres biblisches Bild ein. Wieder sind „Schafe" dabei: „Wenn der Menschensohn kommt, wird er die Schafe um sich versammeln und zu ihnen sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid. Nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für Euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen."

1.Sprecher: Genau, auch dieses tolle Bild vom Weltgericht kann uns Orientierung geben und zum christlichen Handeln motivieren. Vielleicht gelingt es uns, ein solches Leitbild für unsere Situation im Bremer Osten formulieren und möglichst viele Menschen mit ins Boot holen, die sich unserer Gemeinde verbunden fühlen: Wofür stehen wir? Wohin wollen wir? Und wie wollen wir unsere Ziele erreichen? Wenn die diese Fragen als Gemeinde beantworten und in ein Leitbild fassen, gewinnen wir vielleicht neuen Schwung und größere Klarheit in und für St. Raphael!

2.Sprecher: Außerdem wäre das auch eine deutliche Botschaft nach außen. Sowohl die anderen katholischen Pfarreien als auch die evangelischen Gemeinden und nichtkirchliche Organisationen, wüssten, was sie von uns erwarten können. Ein Leitbild stiftet also nicht nur Identität nach innen, für unsere eigene Gemeinde, es könnte uns für andere, die ähnliche Interessen verfolgen, auch als Kooperationspartner attraktiv machen!

1.Sprecher: Ja, in diesem Sinn ist die dritte Funktion eines Leitbildes gemeint: Werben. Wir bringen uns als Gemeinde mit unseren Positionen ins Gespräch. Wir verdeutlichen, welche konkrete Vision in uns lebt und unterstreichen, welche Werte uns am Herzen liegen. Damit werben wir für das, was uns trägt, für unseren christlichen Glauben ebenso wie für die weltweite Gemeinschaft, der wir angehören, für die katholische Kirche! Die folgenden Gedanken wurden von einer Arbeitsgruppe aus dem Pfarrgemeinderat zusammengestellt. Dabei haben wir uns nicht an ein biblisches Motiv angelehnt, sondern mit dem Pfarrgemeinderat auf einer Klausurtagung nach Begriffen gesucht, die für uns zu einer lebendigen Gemeinde gehören!

2.Sprecher: Aus der Stichwortsammlung hat eine Arbeitsgruppe dann für die weiteren Überlegungen diese Sätze formuliert:


1. Für uns sind die biblischen Schriften und die kirchliche Tradition Grundlage und Herausforderung.

2. Wir gestalten Kirche in einem pastoralen Raum.

3. Wir erleben Vielfalt als Bereicherung und Ermutigung.

4. Die Lebendigkeit unserer Gemeinde zeichnet sich dadurch aus, dass viele Menschen Verantwortung übernehmen und ihre Talente einbringen.

5. Wir bieten Orte, an denen Menschen sich wohl fühlen und an denen sie gern verweilen.

6. Wir fühlen uns dem geschwisterlichen Miteinander in der Ökumene verpflichtet.

7. Wir zeigen auch in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit unserer Stadtteile Gesicht.

8. Aus christlicher Verantwortung blicken wir über unsere Gemeinde und unsere Stadt hinaus und engagieren und zu Gunsten von Menschen in anderen Ländern.